Betrachtungen zum Werk von Sabine Strenger-Rehberger

Aufgrund des Umfanges sind die nachfolgenden Betrachtungen in kleinere Kapitel unterteilt, auf die Sie auch über die folgende Übersicht zugreifen können:

 

Einleitung

Haus Seefelden

Beinahe unausweichlich drängt sich das Bild vom verwunschenen Winkel auf, steht man vor dem schon zweieinhalb Jahrhunderte alten Bauernhaus, in dem die Bildhauerin Sabine Strenger-Rehberger zusammen mit ihrer Familie seit 1994 lebt. Vieles ist so belassen, wie es war: Noch immer fällt das Licht durch kleine Sprossenfenster, weiterhin unversehrt durch Gaupen spannt sich das mächtige Satteldach über Wohn- und ehemaliges Ökonomiegebäude, und wie bisher begrenzt das Areal der niedere Staketenzaun. Wie ein Überbleibsel aus Zeiten, als das Haus auch eine ländliche, gern besuchte kleine Wirtschaft beherbergte, erscheint das zwischen Haus und Zaun ungezwungen arrangierte Ensemble aus einfachem Gartentisch und ein paar Stühlen. Darum herum, wie zufällig dorthin gekommen, vielerlei Hölzer, ein halb morscher Baumstamm etwa, ähnlich einem Einbaum, und immer wieder, an Zaun und Hauswand gelehnt, silbrig ausgeblichene Holzblöcke, vom Wasser des Sees abgeschliffen und ans nahe Ufer angeschwemmt: die Natur als Bildhauer.

Und dann über der Remise neben dem ehemaligen Kuhstall, in dem sich heute die Gäste zu Ausstellungen einfinden, auf das zur hohen Glas-tür umgestaltete ehemalige Scheunentor weisend ein mehrere Meter langes schmales Dreieck mit schuppiger Oberfläche in nicht zu übersehendem leuchtendem Rot. Das irritiert zunächst; zugleich stellt sich aber auch die Frage nach dem Warum eines solch markanten Signals. Es soll offensichtlich dem Mißverständnis vorbeugen, Sabine Strenger-Rehberger habe die stille Beschaulichkeit ihrer künstlerischen Arbeit wegen gesucht. Dem steht sowohl ihre sprühende Lebendigkeit entgegen als auch die Tatsache, daß ihr Ideen „selbst im dunklen Keller«, also unabhängig von der äußeren Umgebung, in den Sinn kommen.

Haus Seefelden

Der rote Pfeil, entstanden bereits in Frankfurt, läßt sich von daher durchaus als Hinweis darauf verstehen, daß der Umzug aus der umtriebigen Großstadt in den weltabgeschiedenen Weiler Seefelden am Bodensee keinen gravierenden Einschnitt bedeutet: Die künstlerische Kontinuität bleibt gewahrt. Zudem mag dies Zeichen in seiner polaren Kontrastwirkung auch stehen für die große Spannweite von Strenger-Rehbergers Arbeiten, für ihr ausgeprägtes Verhältnis zu gegenstandsfreien Formen und schließlich dank seiner Rechtswendigkeit und dem temperamentvollen Rot für kraftvolle, lebenszugewandte Dynamik.

Von früh an fühlt sich Sabine Strenger-Rehberger hingezogen zum plastischen Gestalten. Zunächst sammelt sie kunsthandwerkliche Erfahrungen in einem Goldschmiedeatelier. Ein Praktikum bei den namhaften Kunstkeramikern Ursula und Karl Scheid schließt sich an. Während ihrer Ausbildung an der Werkkunstschule auf der Mathildenhöhe in Darmstadt wählt sie zunächst als Hauptfach Keramik, spürt, daß sie ohne freies Gestalten nicht leben kann und entscheidet sich für die Bildhauerei.

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Frühe Plastiken

Wärme und Kraft strahlen die frühen Plastiken aus. Niemand wird die beiden Rundformen mit grau-metallischer, rauher Oberfläche im Eingangsbereich des Hauses übersehen können. Ihre amorphen Öffnungen wirken, als habe eine Frucht einen Riß bekommen, als sei eine Samenkapsel geplatzt. Derartige Assoziationen zu organischen Formen, zu Lebensprozessen werden in Sabine Strenger-Rehbergers Bildern und Objekten leitmotivisch immer wieder auftauchen. In der ehemaligen Gaststube hängt ein Triptychon aus senkrecht übereinander angeordneten, länglichen Quadern, ebenfalls mit grau-metallischer Haut, deren Strenge von rissigen beziehungsweise amorph-organischen Auswölbungen unterbrochen wird. Diese Arbeiten Sabine Strenger-Rehbergers zeigen einen dynamischen Aufbruch zu neuen Ausdrucksweisen.

Baumstumpf vor dem Haus Seefelden

Diese werden in den Aluminium- und Polyesterplastiken in den Jahren 1977 bis 1991 sichtbar. Gemeinsam ist vielen dieser Plastiken ein harter Gegensatz von runden, glatten beziehungsweise rissigen und gekerbten Teilen, Gegensätze, die aggresiv konflikthafte Formen annehmen können.

Die glatten und zerfurchten, die größeren oder kleineren Wölbungen dieser Plastiken spiegeln ganz unmittelbar den Arbeitsprozeß wider, dem sie ihre Entstehung verdanken: Anstatt, wie allgemein üblich, die Tonform von außen aufzubauen, hat die Bildhauerin den Ton mit der Hand von innen nach außen getrieben und so die Formen hervorwachsen lassen. Welchen Sinn macht diese eigenwillige und komplizierte Technik? Ist das einfach Ausdruck der Experimentierfreude? Oder gibt es einen tieferen Zusammenhang zwischen Innenraum und äußerer Form?

Bei diesen Arbeiten tauchen fast unabweisbar Assoziationen zu Geschwülsten und inneren Organen auf. Sabine Strenger-Rehberger interessieren allerdings keine anatomischen Vorlagen. Die Formen kommen mehr oder weniger aus ihrem Inneren: »Ich mußte das einfach so machen!« Es modelliert gleichsam in ihr. Beispielsweise ähnelt ein Teil einer dieser Plastiken, ohne daß der Künstlerin das bewusst gewesen wäre, deutlich einem Uterus. Ganz spontan nennt sie diese Arbeit »Die Suche nach dem Ich«. Von daher liegt die Folgerung nahe, daß sich in diesen von innen her gestalteten Plastiken die innere Befindlichkeit ihrer Urheberin, ihr Werden und ihr Sein - auch als Adoptivtochter - spiegelt: Sie sprechen vom Ursprung, von Wachstums- und Entwicklungsprozessen auf dem Weg zum eigenen Ich. Es ist ein Weg, der von einer Psychoanalyse begleitet und unterstützt wird.

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Die großen Bildobjekte

Ende der achtziger und in den frühen neunziger Jahren entstehen große rechteckige, dreieckige und elliptische Formate mit schwarz-roten, rissigen, teils reliefartig aufgewölbten teils geschliffenen Oberflächen. Einige von ihnen in Weiß-Grau, Weiß-Braun und Rot sowie in Schwarz und Rot hängen in der »Halle«, der einstigen Tenne.

Sie erinnern an kleinere, von innen her aufbrechende Plastiken aus früheren Jahren. Wirkt das auf Rot gestellte Bildobjekt (220x125 cm) mit kleinteiligen, flach wulstigen Strukturen so, als brodle da etwas unter der Oberfläche, brechen sich diese noch unterschwellig tätigen Energien dann in den schwarz-roten Reliefs (220x125 cm) mit zunehmender Vehemenz Bahn: Einmal drückt da eine senkrechte Furche die Fläche von oben bis unten in zwei Hälften auseinander; noch um vieles heftiger das Geschehen dann dort, wo sich entlang einer solchen Vertikalführung an den Rändern dicke Wülste aufwerfen, die sich seitlich in monumentalen Faltungen fortsetzen. Wie eine äußerst schmerzliche Wunde mutet besonders diese Bildfurche an. Doch gleichzeitig möchte man hier an eruptives, geradezu vulkanisches Geschehen voller Lebensglut denken, zumal die sich faltenden Formen, die etwas von urzeitlichen Erdbewegungen an sich haben, ein vergleichbares Energiepotential ausstrahlen. Zusätzlich begegnet in den zweigeteilten Flächen eine Thematik, die Sabine Strenger-Rehberger schon früher künstlerisch formuliert hat und die in hohem Maße auch die nachfolgende Werkphase mit prägen wird: Leben, bestimmt von polaren Setzungen.

Zwar gibt die Künstlerin zu bedenken, daß erst ein neues großräumiges Atelier die Möglichkeit für solche großformatigen Projekte bietet, doch der entscheidende Impuls für diese Bildobjekte ist zweifellos der Zugewinn an künstlerischer Kraft durch die familiäre Entlastung mit dem Heranwachsen der Tochter zur Jugendlichen.

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Schleifbilder, Kugeln und Schwarze Bildobjekte

Stets ist es Sabine Strenger-Rehberger darum zu tun, künstlerisch bereits ausgetretene, epigonale Pfade zu meiden und sich eigene gestalterische Wege zu bahnen. So hat sie nie gerne abgezeichnet. Immer ist sie auf der Suche nach einer Sprache, die nur ihr gehört. Ein frühes Beispiel dafür sind die Papierarbeiten, bei denen sie mit einem Messer die Flächen regelmäßig, Zeile für Zeile, von hinten durchstößt und so räumliche Strukturen entstehen läßt.

Doch der bei weitem bedeutsamste Schritt hin zu künstlerischem Ausdruck gelingt ihr, als sie in Zusammenhang mit den großen Reliefs eine Zementmischung entwickelt, mit deren Hilfe sie in der Folge zu gänzlich neuen bildnerischen Möglichkeiten findet: Es entstehen, Kern ureigensten Schaffens, die sogenannten Schleifbilder.

Das Bildmaterial, das hierbei abgeschliffen wird, baut die Bildhauerin zunächst in langwierigem Arbeitsgang auf. In mehreren Schichten wird die Zementmischung aufgetragen. Jede Schicht wird mit unterschiedlichen Farben eingefärbt, plastisch strukturiert und teilweise mit anderen Materialien kombiniert. Je mehr Schichten, desto vielfältiger die Ausdrucksmöglichkeiten. Neben Karton wird Holz der wichtigste Bildträger.

Bald verzichtet Sabine Strenger-Rehberger auf Rahmen und bezieht stattdessen die Seitenflächen der Bildplatte in die Gestaltung mit ein. Das Bild stößt damit an die Grenze vom Bild zum Objekt.

Nach der langwierigen Vorbereitungsphase beginnt der eigentliche künstlerische Arbeitsprozeß. Anfangs mit der Hand, später mit dem Schwingschleifer trägt Sabine Strenger-Rehberger die Schichten nun, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, so wieder ab, dass die für sie stimmigen Formen entstehen. In dieser Technik gehen drei ganz unterschiedliche Gestaltungsweisen eine enge Verbindung ein: Als Farbkomposition partizipieren die Bilder an der Malerei, als Formen, die aus Material aufgebaut sind, an der Plastik, an der Skulptur, insofern Material abgetragen wird.

Durch die Art, wie sie die Schichten aufbaut und sodann abschleift, entsteht ein das gesamte Bildfeld gliederndes rasterartiges Gebilde aus senkrechten und waagerechten Linien, die sich zu Quadraten oder Rechtecken zusammenfinden. Diese Linien kontrastieren mit flächigen Formen, die sich innerhalb der Rasterflächen in schwingender Bewegung, dabei in ständigem Wandel begriffen, frei entfalten.

Baumstumpf vor dem Haus Seefelden

Je mehr man sich den Bildern nähert, desto mehr schwächt sich dieser dualistische Gegensatz von linearen und flächigen Elementen ab. Das Auge, das von ferne mehr oder weniger geschlossene Rasterlinien zu erkennen glaubt, nimmt nun die ungemein komplexe Art wahr, mit der diese in Wirklichkeit behandelt sind. Da gibt es nicht nur viele Unterbrechungen, die Linien können sich auch in lockerer Parallelität vervielfältigen und dabei eine latente Flächigkeit entwickeln, sie können sich bandartig verbreitern oder sich sogar zu organisch-amorphen Flächen verwandeln. Immer weniger ähnelt ein Feld dem anderen. Nichts geht da in konstruktivistische Richtung oder hin zu seriellen Reihungen à la Warhol. Immer mehr wird die augenscheinliche Nähe und zugleich konsequente Distanz zur Geometrie erkennbar.

Auch hier wieder entspricht die neue formale Situation einer neuen inneren Optik: Während es bisher um Energien ging, die, einmal künstlerisch in Gang gebracht, in immer stärkere Bewegung geraten und dabei die bisherigen innere Einengungen aufsprengen, tritt der spezifisch persönliche Aspekt nun in den Hintergrund und gibt dadurch den Blick auch auf objektive Aspekte eines solchen Prozesses frei: Sabine Strenger-Rehberger hat im persönlichen Erlebnis mit Psychoanalyse erfahren, daß es grundsätzlich möglich ist, nach und nach Licht auch in zunächst nicht erkennbare Tiefenschichten zu bringen, und daß sich dabei das Bild, das der Mensch von sich hat, ständig erweitert.

Daß die Arbeiten angesichts dieses psychologischen Ansatzes nie zu einem endgültigen Abschluß kommen können, liegt auf der Hand. Sabine Strenger-Rehberger beendet sie, wenn für ihr Empfinden farbliche und rhythmische Stimmigkeit erreicht ist, d.h. unter spezifisch künstlerischer Optik.

Genauso wichtig wie die zum Abschluß gebrachte Arbeit ist ihr der Arbeitsprozeß als solcher. In dem sich dabei vollziehenden ständigen Wandel, dem Auftauchen und Verschwinden von Farben und Formen sieht sie ihr persönliches Daseinsverständnis gespiegelt: Leben als Vollzug, als unablässiges Auf-dem-Weg-Sein. Das ist wohl auch einer der Gründe dafür, daß es die Künstlerin zu immer neuen bildnerischen Spiegelungen dieser Thematik drängt.

Die Technik der Schleifbilder mag Assoziationen zu der von Max Ernst entwickelten Technik der Grattage wecken. Jedoch: Wenn Ernst die in mehreren Schichten auf die Leinwand aufgetragene Farbe wieder abkratzt, geschieht das im Sinne des automatischen Schreibens, als Sichtbarwerden von unbewußten Vorstellungen, die ohne geistig-formale Kontrolle Gestalt annehmen. Zwar fließt natürlich auch bei Sabine Strenger-Rehberger - wie zuallermeist im Kunstwerk - in Farb- und Formentscheidungen die persönliche Gestimmtheit mit ein, doch insgesamt stehen ihre Bilder mit dem Blick auf grundsätzliche Lebensprozesse in deutlichem Gegensatz zu Ernsts Intentionen. Und auch das technische Vorgehen bei ihr ist anders. Da sie die Reihenfolge der einzelnen Farbschichten und des Materials notiert, kann sie das Auftauchen der verschiedenen Farben genau kalkulieren, schaltet den Zufall als beabsichtigtes Gestaltungselement weitgehend aus.

Auf Grund des Abstands zur rein subjektiven Innerlichkeit stehen die Schleifbilder trotz gewisser äußerer Ähnlichkeiten auch deutlich in Distanz zum Informel, das sich als spontaner Niederschlag geistiger und seelischer Impulse versteht und dabei die durchdachte Komposition hintanstellt.

Bisher lag das Augenmerk vor allem auf dem technischen sowie dem psychologischen Aspekt der Schleifbilder. Bleibt die Frage, weshalb alle Bilder letztlich im selben formalen Grundprinzip wurzeln, im Zusammenspiel von rasterartigem Gitterwerk und wie ungezwungen sich entfaltenden Farb- und Formflächen. Philosophisch gesehen lassen sich diese gegensätzlichen Formelemente verstehen als polares Prinzip, das dem Leben eingeschrieben ist, beispielsweise in Positionen wie Tag und Nacht, Wärme und Kälte, Ruhe und Bewegung, Chaos und Ordnung, Gesetz und Freiheit.

Sabine Strenger-Rehberger versteht diese Rasterstrukturen weiterhin als Ausdruck von Zwängen, die im gesellschaftlichen wie im persönlichen Leben wirksam sind und damit die individuelle Entfaltung jedes Einzelnen einengen und zugleich strukturieren.

Leben nun kann sich nur dann ereignen, wenn diese Pole sich nicht als starre unversöhnliche Prinzipien gegenüberstehen, sondern wenn sich aus der Spannung des Gegensatzes zugleich die Möglichkeit zu Begegnung, zur Kommunikation ergibt. Und genau solche Intentionen spiegeln die Schleifbilder wider: Linie und Fläche, das Gerade und das Geschwungene erweisen sich bei genauem Hinschauen als keineswegs von einander isolierte Phänomene, als absolute Größen, sie lassen sich vielmehr so intensiv aufeinander ein, daß sie sich zu einem die gesamte Bildfläche ganzheitlich rhythmisierenden Energiefeld zusammenfinden.

Es wäre mühelos vorstellbar, ein solches Energiefeld nach allen Seiten hin weiter auszudehnen, denn es gibt weder eine Bildmitte noch kompositorische Schwerpunkte, an denen das Auge geneigt wäre sich festzumachen. Außerdem wird die Bildfläche an den Rändern nicht von scharfen, sondern von in sich brüchig-offenen Linien begrenzt. Von daher lassen sich diese Bilder auch verstehen als Teil eines großen Ganzen. Und so steht umgekehrt auch der Bildausschnitt bereits für das ganze Bild. Der Teil und das Ganze schwingen letztlich in eins.

In dem vielgestaltigen Formenrepertoire der Schleifbilder tauchen mehrfach als dominierendes Element lockere Kreise auf. Vielleicht sind sie Keimzelle dafür, daß sich Sabine Strenger-Rehberger im Plastischen wieder der Kugel zuwendet, dieser Urform, die für sie von jeher eine künstlerische Herausforderung darstellt.

Diese Kugeln, zunächst klein in den Ausmaßen, erreichen allmählich Durchmesser bis zu ca. 7o Zentimetern. Sabine Strenger-Rehberger baut deren Kern aus gebrauchten Verpackungsmaterialien und Zementmischung und bearbeitet sie sodann auf dieselbe Weise wie die Schleifbilder. Sie verzichtet auf die Rasterstrukturen, da die Kugel in sich strengstes Gegengewicht zu den freien Formen bildet. Was dabei in oft strahlenden Farben entsteht, mag an schlingernde Wasserläufe, an Wurzelwerk, an Karten auf einem Globus erinnern.

Baumstumpf vor dem Haus Seefelden

Ein ungemein reizvoller Outsider in diesem Ensemble eine der letzten Kugeln: Von schmalen aderartigen Wülsten und Faltungen überzogen, ist sie farblich ganz auf leise, oft naturnahe, matt schimmernde Töne gestellt.

Bei den späten Schleifbildern vollzieht sich ebenfalls ein farblicher Wandel. Zwar kommen immer noch strahlkräftige Farben, insbesondere Rot zum Einsatz, doch zunehmend dominiert Schwarz und Weiß. Damit ergibt sich ein fast gleitender Übergang zu einer neuen Gruppe von Arbeiten, den gänzlich schwarzen Bildobjekten. Quadratisch beziehungsweise schmal hochformatig, behalten sie das Raster als Strukturelement bei; doch die frei bewegten Oberflächen sind jetzt aus Zementmischung plastisch modelliert. Aber anders als die gelegentlich geradezu explosiven großen Reliefs der frühen Jahre wirken sie gelassen, gelöst.

Die Oberfläche der schwarzen Reliefs wirft das Licht, das auf sie fällt, leise zurück. Der verhältnismäßig strenge Schwarz-Weiß-Kontrast der gleichzeitigen Schleifbilder hat sich auf die geschmeidige Begegnung von Hell und Dunkel verlagert. Daraus ergeben sich neue faszinierende Seherfahrungen: Je nach Standort des Betrachters erscheint das Licht auf unterschiedlichen Partien der Relieffläche. Der sich bewegende Betrachter wird zum unverzichtbaren Teil des Werks.

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Strukturen

In auffallend vielen Arbeiten Sabine Strenger-Rehbergers spielen Strukturen eine zentrale Rolle. Schon als Kind haben es ihr Rippungen auf Blättern, Zeichnungen in Steinen, Rindenmuster, Holzmaserungen und so fort angetan. Und wer im Spätherbst bei ihr klingelt, kann womöglich einen mächtigen Kürbis neben der Haustür liegen sehen, der langsam in sich zusammenfällt, wobei Schimmel und Fäulnis auf seiner einst prallen Schale faszinierende neue Farben und Formen entstehen lassen. Die große Affinität zu Strukturen ist also in ihr angelegt.

Anders als es von daher zu erwarten wäre, lehnen sich die Strukturen in ihrem Werk jedoch nie an Vorgegebenes aus der Natur an: »Ich mache oft etwas, das ich dann nachher draußen in der Landschaft entdecke.« Ihre Formen erwachsen inneren Bildern, nehmen in einem von der Natur unabhängigen Schaffensprozeß Gestalt an, doch sie möchte, daß diese Formen »wie natürlich gewachsen« aussehen. Der Weg, auf dem sie das erreicht, ist - ganz mit Absicht - nicht mehr nachvollziehbar. Das gerade gibt vielen Arbeiten den besonderen Reiz. Beispielsweise verlöre das Bild, das in seinen bröckelnden Strukturen etwas vom geheimnisvollen Flair uralten, zerfallenden Blattgolds umgibt, viel von seinem Zauber, wäre das Ausgangsmaterial, von der Künstlerin handgeschöpftes und sodann bearbeitetes Papier, optisch noch mit erfahrbar.

Doch Sabine Strenger-Rehberger, immer wieder neuen Gestaltungsmöglichkeiten auf der Spur, macht aus keiner Haltung ein unumstößliches Prinzip. In den seit etwa zwei Jahren entstehenden »Rostbildern« ist die klare Trennung zwischen Kunst und Natur aufgegeben. Nun ist es Rost auf alten Blechen, der die Strukturen liefert. Papiere, auf die Bleche gelegt, werden der Witterung ausgesetzt. Die Künstlerin steuert den Prozeß dadurch, daß sie die Blätter immer wieder umlegt und, um dunklere Partien zu bekommen, die entsprechenden Stellen stärker befeuchtet. Spontanen Prozessen in der Natur, und damit auch dem Zufall, wird Raum zugebilligt.

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Ein Einzelgänger

Bisher ein völliger Einzelgänger in Strenger-Rehbergers Werk ist die stehende vollplastische Ovalform aus schwarz eingefärbtem Zement. Diese Arbeit, ungemein intensiv in der Ausstrahlung und zugleich voller Geheimnisse, ist schwer, vielleicht auch gar nicht zu enträtseln. Sie erinnert in etwa an eine stehende, breit aufsitzende Eiform. Im Prozeß des Schauens wird das Auge, anders als bei einer Eiform, nicht immer wieder zum Ausgangspunkt zurückgeführt, der Blick hat vielmehr die Tendenz, von unten nach oben zu steigen und dort anzuhalten, zu verharren. Das liegt nicht nur daran, daß sich die obere Kuppe stärker einer spitzen Form annähert; mehrere vertikale, tiefe Risse verstärken die dieser Plastik innewohnende Bewegung nach oben. Sind sie entstanden, weil da ein innerer Lebensraum zu eng geworden ist? Kündigt sich hier ein weiterer Schwerpunkt des künstlerischen Schaffens an? Es will fast so scheinen, denn Sabine Strenger-Rehberger wendet sich nun wieder dem Modellieren menschlicher Köpfe zu.

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Köpfe und Masken

Köpfe sind auch schon früher entstanden, allerdings nur sporadisch, so u.a. 1977 der »Götzenprediger«: Brutale Härte und Kälte bestimmen dessen Kopf, bei dem in scharfem Kontrast zu der sonst extrem glatten Oberfläche wuchernde Partien im Mundbereich die menschliche Anatomie zerstören. 1987 als Reaktion auf den Schock von Tschernobyl schuf die Künstlerin eine Serie von durch Wucherungen deformierten Schädeln. Über das aktuelle Ereignis hinaus dokumentieren sie in ihrer beklemmenden Ausstrahlung die dem Menschen grundsätzlich innewohnende Möglichkeit zu grausamer Zerstörung. Daher der Titel dieser Plastiken »Die Zeit heilt keine Wunden«.

Auf andere Weise sehr ungewöhnlich der frühe »Helmkopf«. Nirgendwo Ansätze eines Gesichts, die Oberfläche überzogen mit Rissen und Schrunden. Sabine Strenger-Rehberger sieht darin vor allem eine verwitterte archaische Form, die Ursprungsnähe und Vergänglichkeit in eins artikuliert. Unter zeitnaher Optik gesehen wirkt dieser Kopf in seiner nach außen hermetisch abgeschlossenen Form jedoch auch wie eingesperrt in eine beengende Kapsel und so gesehen auch lesbar als konkrete Standortbestimmung, von der aus die zeitgleichen organartigen Plastiken mit ihren von innen nach außen drängenden Energien ihren Weg nehmen.

Dagegen der neue Kopf aus Zement: Die früheren Oberflächenstrukturen beziehungsweise Wucherungen sind verschwunden, stattdessen leise Farbnuancen. Weit überlebensgroß, betont plastisch durchmodelliert, verzichtet er auf alle individuellen Zufälligkeiten, konzentriert sich auf harmonisch-kraftvolle Grundformen, Grundrhythmen. Im Gegensatz zu dem bis zur anonymen Abstraktion verfremdeten Helmkopf eine Art von Archetypus.

Völlig ungewohnt steht der Kopf nicht auf einem Sockel, sondern liegt auf einer flachen Plinthe, fast unmittelbar auf der Erde. Viele Fragen drängen hier an: Klingt in der Erdnähe dieses Kopfes der Gedanke der Vergänglichkeit an? Ist der Kopf zur Seite gedreht, damit kein Blickkontakt zum Betrachter möglich ist? Ist hier von gesammelter, wacher Stille, von Entrücktheit die Rede? Verbirgt sich hinter dieser eigenartigen Abwesenheit eine Art Verweigerungshaltung? Oder geht es vor allem um den Ausbruch aus konventionellem Verhalten?

Zum Fragen fordern auch die neu entstehenden Masken heraus. Diese Gesichter, meist schon fremdartig in ihrer Physiognomie, signalisieren als Masken von vornherein Distanz. Zwar fühlt man sich trotz der leeren Augenöffnungen von ihnen angeschaut, doch es läßt sich kein direkter Blickkontakt zu ihnen herstellen. Eine Zone des Rätselhaften, des Undurchschaubaren entsteht.

Die Maske als Spiegelung des eigenen Ichs, das sich letztlich immer auch Rätsel bleibt? Die Maske als Ausdruck dafür, daß jedes Gegenüber nie bis auf den tiefsten Grund auslotbar ist? Da Sabine Strenger-Rehberger immer wieder innere Bilder formuliert, legen - ebenso wie die Köpfe - auch die Masken dank ihrer intensiven Ausstrahlung nahe, sie auf Existenz hin zu deuten, eine neue Ebene der Ich-Thematik in ihnen zu sehen. Und von hierher mag sich eine Beziehung zu den Masken des antiken griechischen Theaters ergeben, denn das Wort Person - von personare, hindurchtönen - erinnert ja daran, daß der Schauspieler damals eine Maske vor dem Gesicht trug, durch die hindurch, befreit vom bloß individuell Zufälligen, Grundwahrheiten menschlichen Seins hindurchtönten.

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Künstler - Kunstwerk - Betrachter

Bei aller Kunst geht es neben der Beziehung Künstler-Werk immer auch um die Kommunikation zwischen Werk und Betrachter. Wie intensiv solch eine Interaktion auch im Bereich des Ungegenständlichen geschehen kann, dafür ist Sabine Strenger-Rehbergers Werk ein eindrückliches Beispiel.

Spontan mag die Faszination, die bereits beim ersten Hinschauen von ihrer Arbeit ausgeht, vom sicheren handwerklichen Können herrühren und dem damit verbundenen hohen ästhetischen Niveau. Dies fördert beim Betrachter die Bereitschaft, sich auch dem inneren Gehalt zu nähern.

Die Offenheit und Bewegtheit, aus der heraus Sabine Strenger-Rehbergers Arbeiten leben, machen es leicht, sich auf die Prozesse, die hier ablaufen, einzulassen. In zweifacher Hinsicht erwächst hieraus ein partnerschaftliches Gespräch: Zum einen schwingt sich der Betrachter auf das Geschehen ein, sucht es nachzuvollziehen, zum anderen kann er, unbeeinträchtigt durch gedanklich endgültig festgeschriebene Bildaussagen, im schöpferischen Mitvollzug seine eigenen, auf seine Person bezogenen Gedanken, Assoziationen, Empfindungen mit einbringen. Die Bilder und Objekte Sabine Strenger-Rehbergers werden so zum Medium für echte partnerschaftliche Begegnung zwischen Kunst und Leben.

Marie-Theres Scheffczyk

Verantwortlich: Rainer Rehberger  ·  Realisierung: Silvan Rehberger, youngbrain: GmbH  ·  GeoURL